"Cash for Work" heißt Aufbau, Einkommen und nach vorne schauen

Reportage von Reinhard Brockmann, WESTFALEN-BLATT Bielefeld (Text und Fotos)
Jacmel. Jean Veas Hausname lautet »Dieudonné«, auf Deutsch »Gottgegeben«. Der 46-jährige Agronom und Bauleiter ist ein mitreißender Macher und ein Geschenk des Himmels. Für das kleine, schwer erdbebengeschädigte Städten Jacmel im Süden Haitis ist er ein Glücksfall.

Wir treffen ihn an einem Freitag, das ist sein Tag. Auf Dutzenden Baustellen wird geschuftet, räumen Trupps aus 20 Männern und Frauen Schutt weg, werden Vorschlaghämmer geschwungen. Mit Schippen und Karren wird geschuftet, als gäbe es keine karibische Sonne. Der allgegenwärtigen Staub tanzt in der 30 Grad heißen Luft.

»Hey Agro, der Mundschutz ist kaputt«, ruft ihm einer zu. Andere haben eine Liste geschrieben mit den Namen derer, die auch mitmachen wollen. Am Rande liegt ein verbogener Bolzenschneider. Mann und Material sind gefordert. Haiti baut wieder auf.

»Cash for Work« heißt das Programm der Deutschen Welthungerhilfe, mit dem 600 Leute Grundstücke bis auf die Bodenplatte freiräumen und Stellplätze für große Zelte schaffen. Es geht ums Praktische, aber auch um die Schaffung neue Kaufkraft im städtischen Bereich, deren Nachfrage bis aufs Umland ausstrahlt.
Gemäß der Projektbeschreibung des auf sechs Monate angelegten Programms geht es auch um die Stärkung kommunaler Strukturen unter Beteiligung von Bürgermeister, Rat und lokalen Komitees.

Die Hauseigentümer sind stets Teil der 20-köpfigen Teams. Sie sollen mithelfen, wollen aber auch dabei sein, wenn unter dem Schutt doch noch die eine oder andere Habseligkeit freigelegt wird.
Auf einer Baustelle treffen wir Oma Mariel. Sie hat die Schutzbrille hochgeschoben, wischt sich den Schweiß von der Stirn und scheucht die Enkelin mit der Schubkarre zurück aufs Trümmergrundstück. Es sei gut, dass es weitergeht, meint sie.

Arbeit hilft vergessen. Ihr Blick schweift auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort sitzt ein kleines Mädchen auf den Resten eines zerbrochenen Schaukelstuhls und schaut ins Leere.

Pro Tag auf dem Bau gibt es vier Euro. Das ist nicht viel, was prompt einige Arbeiter beim Auftauchen des Bauleiters beklagen, aber fünfmal soviel, wie die Mehrheit der Haitianer zum Überleben pro Tag hat. »Die anderen Länder unterstützen uns«, belehrt Dieudonné seine Leute, »und die wollen sehen, dass wir uns selber helfen«, ruft der scheinbar ungebrochen fröhliche Bauleiter.

Ja, sagt er beim Weitergehen, dieser Kiez, das »Bas de la ville«, ist sein Zuhause. In diesem Viertel ist er groß geworden, die Leute kennen ihn und um die Ecke liegen die Reste seines eigenen Hauses, das ebenfalls total zerstört wurde.

Nein, zeigen will er die Trümmer jetzt nicht, angeblich sind die anderen Baustellen wichtiger. Dann wird deutlich, dass Dieudonné den Ort meidet. Dort ist sein eigener, einziger Sohn umgekommen. Der Vater, der bärenstarke Mann vom Bau, hat alles versucht, aber er hat den verschütteten Jungen nicht retten können. »Meine Frau weint immer noch den ganzen Tag«, sagt er und wendet sich ab.

Hier wird für die Arbeiter gekocht. Desir Marie Jesula (Mitte rechts) hat viele Helferinnen. Links Bauleiter Jean Vea Dieudonné.
Unter einem Vordach sitzt die etwa dreißigjährige Desir Marie Jesula. Auf kleinen Holzkohlefeuern brutzelt es in drei Töpfen. Wer schwer arbeitet, soll gut essen. Jedes Team hat seine eigene Feldküche. Cash-for-Work bedeutet auch gestampfte Bohnen, Reis, Gemüse und sauberes Trinkwasser. Marie ist die Köchin, ihre Freundinnen helfen gerne und unentgeltlich mit. Wiederaufbau füllt die Mägen und reißt Umstehende mit.

Alles läuft gut an diesem Vormittag. Aber Alexander Lieberknecht, Chef der Welthungerhilfe in Jacmel, schaut mit Sorge auf den den total zugemüllten Abwasserkanal hinter dem Haus. 1915 wurde der Wasserlauf zum letzten Mal ausgehoben, jetzt ist das Flussbett zwei Meter höher.

Schweine wühlen im Schlamm zwischen Plastikmüll und Kloake. Wenn es noch mehr regnet werden die Durchlässe unter den Brücken verstopft sein. Das Wasser sucht sich dann seinen Weg durch Straßen, Zelte und Häuser.

Vorerst fehlt noch das Geld für diese dringend notwendige Arbeit. Lieberknecht sinnt schon über die nächste Aufgabe nach. Millionen von Plastikflaschen sind Teil des handfesten Umweltproblems, das der klamme Karibikstaat schon lange hat. In jeder Flasche stecke Energie, die man irgendwie gewinnen müsse, sagt Lieberknecht. Intelligentes Recycling würde zugleich ein gigantisches Großreinemachen initiieren.

Es gibt noch reichlich großen Brocken, die auf Haiti abzuräumen sind.