Außer den kriegsbedingten Personalproblemen bereiteten Carl Brüggemann der erhebliche Rückgang an Investitionen und kaum zu übersehene Reparaturstau in allen Bereichen große Sorgen. Wegen Material- und Fachkräftemangels konnten die Leitungsnetze im Landkreis Bielefeld nur mit erheblicher Verzögerung ausgeführt werden, manche Gemeinden, wie beispielsweise Lämershagen, mussten bis zum Kriegsende warten. Vor allem im Straßenbahnverkehr konnten Reparaturen nur mit größten Schwierigkeiten durchgeführt werden. Aufgrund des fehlenden Personals mussten zwar einerseits die Taktzeiten verlängert werden, die hohe Fahrgastzahl erforderte jedoch den verstärkten Einsatz von Anhängern selbst bei „nicht geeigneten schwächeren Triebwagen” verbunden „mit nicht zu vermeidenden Überlastungen der Wagen”.
Mit den zurückgekehrten Soldaten konnten 1918/19 die Arbeitsplätze im Betriebsamt wieder mit Facharbeitern, Handwerkern und Ingenieuren besetzt, Reparaturen vorgenommen und Investitionen an der Schildescher Straße und im Leitungsnetz vorgenommen werden. Obwohl die Wachstumskurve nach oben zeigte, erwirtschaftete das Betriebsamt wegen der schnell einsetzenden Inflation kaum Überschüsse, selbst als die Tarife erhöht wurden. Das war zum Beispiel 1921 der Fall, als eine drastische Fahrpreiserhöhung vorgenommen wurde, die nach Brüggemann aber längst nicht ausreichte: Statt 50, 75 und 100 Pfennig mussten nun 100, 150 und 200 Pfennig gezahlt werden. Brüggemann erklärte: „Ein Verkehrsunternehmen ist nicht, wie die meisten Unternehmungen in der Industrie und im Handel in der Lage, die Steigerung der Ausgaben jederzeit durch entsprechende Einnahmen oder Fahrpreiserhöhungen auszugleichen. Der Erfolg einer Fahrpreiserhöhung steht im engen Zusammenhang mit der Geldentwertung, die einer Verarmung des Volkes gleichkommt und es dazu zwingt, nicht notwendige Ausgaben zu unterlassen. Jede Steigerung des Fahrpreises zieht daher eine Abwanderung nach sich”.
Die Inflation erreichte mit aberwitzigen Geldwerten im Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Als mit der Einführung der Rentenmark die deutsche Wirtschaft stabilisiert werden konnte, fehlten dem Betriebsamt die Reserven für weitergehende Investitionen. So beschlossen zwar die Stadtverordneten im Dezember 1924 eine neue West-Ost-Verbindung, die von der Langen Straße und Jöllenbecker Straße über den Jahnplatz bis zur Oelmühlenstraße und Oststraße führen sollte, aber aufgrund der „allgemeinen Geldknappheit” war es jahrelang nicht möglich, das Projekt zu realisieren. Erst im Mai 1927 konnte mit dem Bau begonnen und im Januar 1928 die neue Linie 3 eingeweiht werden.
Zu diesem Zeitpunkt war Carl Brüggemann, der 1924 zum Generaldirektor befördert worden war, bereits aus dem Dienst geschieden. Im August 1926 bat er, zum 1. Januar 1927 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt zu werden. Seine Gesundheit habe „in den letzten Jahren so sehr gelitten”, teilte er dem Leiter des Betriebsausschusses, Dr. Paul Prieß, mit, „dass ich fernerhin nicht mehr im Stande bin, die Arbeit zu leisten und die Verantwortung zu tragen, die von dem Leiter der städtischen Werke verlangt werden müssen, wenn seine Tätigkeit erfolgreich sein soll.” Seinem Antrag wurde entsprochen. Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst dankte Brüggemann „für die Dienste”, die er der Stadt geleistet hatte: „Die städtischen Körperschaften wissen es zu würdigen, dass es vorzugsweise Ihr Verdienst ist, wenn Bielefeld vielleicht die einzige Stadt ist, welche sämtliche Versorgungs- und Verkehrsanlagen ganz zu eigen besitzt, sie selbst gebaut hat und selbst betreibt, dass unsere Werke technisch und wirtschaftlich einen anerkannten Höchststand haben und eine starke Stütze für die Gemeindewirtschaft sind.” Damit er der Bürgerschaft in „dankbarer Erinnerung” bliebe, sollte eine neue Straße in unmittelbarer Nähe zum Werksgelände „Brüggemann-Straße” genannt werden.
Wenige Wochen nach seiner Pensionierung zog Brüggemann mit seiner Frau nach Wiesbaden, wo er am 19. November 1936 im 73. Lebensjahr nach langer, schwerer Krankheit verstarb. Am 25. November wurde er im Rahmen einer Trauerfeier auf dem Sennefriedhof beigesetzt.
»Quellen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. 95: Carl Brüggemann (1891-1909)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. 96: Carl Brüggemann (1910-1943)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Bielefelder Generalanzeiger, Westfälische Zeitung, Westfälische Neueste Nachrichten
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
- Jahresberichte über das Gaswerk, das Elektrizitätswerk und die Straßenbahn der Stadt Bielefeld (1901- März 1910); (Landesgeschichtliche Bibliothek, Z 40/ Bie 12)
- Jahresbericht des Städt. Betriebsamts Bielefeld. Gas- Wasser-, Elektrizitätswerk und Straßenbahn (April 1910 – Dezember 1924); (Landesgeschichtliche Bibliothek, Z 40/ Bie 12)
- Jahresbericht des Städt. Betriebsamts Bielefeld. Gas- Wasser-, Elektrizitätswerk, Straßenbahn und Kraftwagenbetrieb (1925-1928); (Landesgeschichtliche Bibliothek, Z 40/ Bie 12)
- Jahresbericht über den Stand und die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Bielefeld (1898-1927); (Landesgeschichtliche Bibliothek, Z 40/ Bie 6)
- Carl Brüggemann, Elektrizitätswerk und Straßenbahn der Stadt Bielefeld. Bericht über den Bau und den Betrieb in den Jahren 1899-1904, Bielefeld 1904 (Landesgeschichtliche Bibliothek, W 75/50)
- Carl Brüggemann, Das Gaswerk der Stadt Bielefeld von 1856-1906, Bielefeld 1906 (Landesgeschichtliche Bibliothek, W 75/4)
»Literatur
- Jürgen Büschenfeld (Hg.), Netz/Werk/Stadt. Aufbruch in ein neues Zeitalter, Bielefeld 2000
- Heinrich Gräfenstein, Peter Stuckhard (Hg.), Damit es hell und warm ist. Geschichte der Stadtwerke Bielefeld, Bielefeld 2000
- Heidrun Winkler, Die Stadtwerke. Energieversorgung für Bielefeld, in: Industriearchitektur in Bielefeld. Geschichte und Fotografie, hg. v. Florian Böllhoff, Jörg Boström, Bernd Hey, Bielefeld 1986, S. 108-117
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