
Im Frühjahr 1991 tauchte in lokalen und überregionalen Gazetten ein Wort auf, das für viele Menschen eher ein besonderer Farbton als ein Synonym für eine unsichtbare Gefahr war: Kieselrot. Hierbei handelte es sich um ein Material, das bei der Kupfergewinnung in der sauerländischen Stadt Marsberg zwischen 1938 und 1945 bei einem speziellen Hüttenverfahren als Abfallprodukt entstanden war und auf Halden gelagert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Schlacke unter der Handelsbezeichnung "Kieselrot" vermarktet und als "Baustoff für Sportplatz- und Gehwegbeläge" verwendet. Da Kieselrot "eine recht homogene Beschaffenheit aufwies und aufgrund seiner relativ hohen Dichte und groben Kornstruktur nicht so leicht verweht werden konnte", schien es für diese Nutzung besonders gut geeignet gewesen zu sein. Bis 1968 war die Halde weitestgehend abgeräumt und rund 400.000 Tonnen Kieselrot vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Hessen, Niedersachsen und Bremen für Beläge verwendet worden.
So auch in Bielefeld. Als im April 1991 die Bremer Umweltbehörde nach stichprobenartigen Untersuchungen von Spiel- und Sportplätzen auf hohe Dioxinwerte hinwies, die bei dem "Marsberger Kieselrot" ermittelt worden waren, wurde auch in Bielefeld gemessen. Das Ergebnis war beunruhigend: Bis zu "830 mal giftiger als erlaubt", titelte das Bielefelder StadtBlatt angesichts der vom Bundesgesundheitsministerium festgelegten Grenzwerte von 100 Nanogramm pro Kilogramm. Die höchsten Werte wurden auf Sportplätzen gemessen, die auch für den Schulsport genutzt wurden. Am Brodhagen wurde eine Belastung von 83.000 Nanogramm Dioxin pro Kilogramm gemessen, auf dem Sportplatz an der Ravensberger Straße, der vom Helmholtz-Gymnasium und dem Ceciliengymnasium genutzt wurde, lag die Belastung bei 77.000 Nanogramm und auf der Hartalm an der Melanchthonstraße, auf der Schülerinnen und Schüler der Gertrud-Bäumer-Schule, der Bosseschule und des Max-Planck-Gymnasiums Sportunterricht hatten, wurden 63.000 Nanogramm gemessen. Weitere Plätze folgten bis hin zu den Anlagen am Feuerholz an der Sudbrackstraße, die immer noch einen Wert von 7.000 Nanogramm aufwiesen.
Nur wenige Menschen konnten sich wohl die extrem niedrige Gewichteinheit "Nanogramm" überhaupt vorstellen: eine Milliardstel Gramm. Dass die Nachrichten über das "Supergift" in dieser nur von Experten messbaren Größeneinheit alarmierend wirkten, lag mit Sicherheit an dem Unfall in einer chemischen Fabrik nördlich von Mailand im Sommer 1976, der sich wie ein Fanal in das kollektive Gedächtnis gebrannt hatte. Bei diesem Unfall war eine unbekannte Menge des hochgiftigen Tetrachlordibenzo-p-Dioxins (TCDD) freigesetzt worden, das kurz als Dioxin oder, in Anlehnung an ein oberitalienisches Dorf, als Sevesogift bezeichnet wird. Rund um Seveso waren innerhalb weniger Tage nach dem Unfall Pflanzen verwelkt und tausende Tiere gestorben, etwa 200 Menschen litten an Chlorakne. Und dieses Gift war nun auch auf Plätzen in Bielefeld nachgewiesen worden?